Experteninterview: Bart Gorynski

Bart Gorynski, Geschäftsführender Gesellschafter der bee smart city GmbH, einer Smart-City-Lösungs- und Kommunikationsplattform.

 

 

Wie definieren Sie Smart City?

 

Der Begriff „Smart City“ hat in den letzten zwei Jahrzehnten aufgrund der zunehmenden Urbanisierung und Digitalisierung stetig an Bedeutung gewonnen und es existiert eine Vielzahl von Definitionen. Bei der Interpretation bzw. dem Verständnis des Begriffes kommt es jedoch oftmals zu Einschränkungen einerseits auf Technologie (smart, digital, vernetzt) und andererseits auf Städte („City“, Stadt als Element der Größe).  Dabei haben neben der reinen digitalen Transformation der Verwaltung einer Kommune (Smart Government) auch die Aktionsfelder Wirtschaft (Smart Economy), Umwelt und Energie (Smart Environment), Lebensqualität (Smart Living), Mobilität (Smart Mobility) und Menschen (Smart People) in die Definitionslandschaft des Begriffs „Smart City“ Einzug genommen. Zudem haben sich nicht nur Städte („City“), sondern Kommunen – unabhängig von ihrer Größe, egal ob im urbanen oder ländlichen Raum, auf den Weg der Transformation zur „Smart City“ gemacht. Ein Grund für die Vielzahl der vorhandenen Definitionen und ihrer stetigen Weiterentwicklung liegt im Vorhandensein von vier evolutionären Generationen, den sogenannten Evolutionsstufen, einer „Smart City“.

 

Für uns bedeutet „Smart City“ die Fähigkeit einer Kommune, durch Entwicklung neuer Lösungen und/oder durch Adaption andernorts existierender Lösungen, bestehende und zukünftige Herausforderungen zu meistern, Probleme zu bewältigen und Chancen zu nutzen, welche die Transformation hin zu einem prosperierenden und lebenswerteren Ort für alle Interessensgruppen (Bürgerschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft) beschleunigen und unterstützen. Kurz als Praktiker gesprochen: Smart City ist ein Ökosystem aus Lösungen und kollaborativen Prozesse.

 

 

Können Sie die erwähnten Evolutionsstufen von Smart City näher erläutern?

 

In der ersten Evolutionsstufe um die Jahrhundertwende herum, also zu Beginn der Verwendung und Umsetzung von Smart City Konzepten, wurde die Entwicklung hauptsächlich von Technologieunternehmen angetrieben, die mit ihren technologischen Lösungen und Produkten Städten und Kommunen Innovationskraft und Effizienzsteigerungen versprachen. In diesem Zusammenhang wird die Generation 1.0 als von Unternehmen initiierte und technologiegetriebene Vorgehensweise verstanden.

Die zweite Evolutionsstufe zeichnet sich dadurch aus, dass sich Kommunen das Potenzial neuer Technologien proaktiv, das heißt, gesteuert durch die Kommune selbst, zunutze machen wollen. Hierbei werden Smart-City-Projekte und -Lösungen durch die Kommune eigenständig initiiert, um Technologien zur Verbesserung von Lebensqualität und Prosperität einzusetzen. Demzufolge repräsentiert die Generation der Smart Cities 2.0 eine technologisch motivierte und von Kommunen getriebene Ausrichtung.

Kommunen haben aus den Vorgänger-Generationen gelernt, dass Technologie nur ein „Wegbereiter“ für die Lösung von Problemen und die Ausnutzung von Entwicklungschancen darstellt. Um Lösungen und Initiativen nachhaltig und erfolgreich zu etablieren, kommt der Einbeziehung der Bevölkerung und anderer Stakeholder eine zentrale Bedeutung zu. Nur wenn Lösungen und Initiativen von diesen Gruppen zur zielgerichteten Erfüllung von Bedürfnissen angenommen werden, besteht die Chance einer nachhaltigen Implementierung. Die dritte Generation, Smart City 3.0, zeichnet sich entsprechend durch eine von den Kommunen gesteuerte bürger- und nutzerzentrierte Ausrichtung aus.

Neueste Entwicklungen implizieren eine zunehmende Einbeziehung der Bevölkerung und weiterer Stakeholder in die Gestaltung der Kommune und die Begriffserweiterung der Smart City hin zu einem messbaren Ökosystem von Lösungen, welches zur zielgerichteten und bedarfsorientierten Verbesserung von Prozessen als auch zur Steigerung der Attraktivität der Kommune beitragen. Die Smart City 4.0 basiert auf dem Verständnis der Kommune als Plattform, die für ihre Weiterentwicklung auf die Nutzung der kollektiven Intelligenz aller Stakeholder setzt, um ein messbares Ökosystem zu gestalten, welches partizipativ mitentwickelt und mitgetragen wird. Mit der Lösungsplattform bee smart city möchten wir einen wichtigen Schritt dazu beitragen: https://www.oip.netze-neu-nutzen.de/ideas/show/1130.

 

 

In welcher Evolutionsstufe befinden sich ihrer Meinung nach deutsche Kommunen?

 

Eine schwierige Frage, da bis heute in Deutschland im Ökosystem Smart City kaum Transparenz vorherrscht. Mittlerweile nutzen über 150 Länder unsere Lösungsplattform (https://www.beesmart.city/), vermehrtes Interesse deutscher Kommunen verzeichnen wir hierbei erst seit dem zweiten Halbjahr 2018, dafür jedoch stark ansteigend. Es ist hierbei wichtig zu erwähnen, dass das Themenfeld Smart City im internationalen Vergleich in der Bundesrepublik Deutschland noch recht jung ist: Ich erinnere mich gut an meine Forschungsaktivitäten in Harvard und Regensburg, den ersten bedeutenden Vorstoß zum Thema Smart City in Deutschland vernahm ich zum Ende des Jahres 2015 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

 

Meiner Meinung nach ist es nicht wichtig zu wissen in welcher Evolutionsstufe sich eine Kommune heute befindet, sondern das Verständnis zu haben, dass jede Kommune nicht in der ersten Evolutionsstufe beginnen muss, sondern über vorhandenes Wissens, Kollektive Intelligenz und Digitalisierung möglichst weit hinten einsteigen kann! Eine Systematisierung des Transformationsprozesses zur Smart City innerhalb einer Kommune wird der Schlüssel zum nachhaltigen Erfolg.

 

 

Wie könnte eine solche Systematisierung des Transformationsprozesses zur Smart City aussehen?

 

Zunächst brauchen Kommunen ein Verständnis was eine Smart City ist, d.h. was sich hinter diesem holistischen Ansatz verbirgt. Der erste Schritt zur Smart City ist es, sich einen klaren Überblick über das bereits bestehende Smart-City-Lösungsökosystem in der eigenen Kommune zu verschaffen, jede Kommune ist in Teilen schon „smart“. Über eine Bedarfs- und Potenzialanalyse wird in einem zweiten Schritt geprüft, welche Herausforderungen und Probleme eine Kommune lösen muss, oder auch welche Chancen ergriffen werden können und diese nach Wichtigkeit und Dringlichkeit zu priorisieren. Im dritten Schritt geht es schließlich darum, vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen und stadtspezifischer Anforderungen, geeignete Lösungen zur Zielerreichung auszuwählen, die dann von ersten Piloten in die breite Umsetzung gebracht werden. Wenn eine Kommune diese drei Schritte als einen widerkehrenden Kreislauf versteht, so wächst nach und nach das Smart-City-Lösungsökosystem durch die bedarfsgerechte Lösung der dringlichsten Probleme und durch konsequente Ergreifung von Entwicklungschancen.

 

Das klingt natürlich recht einfach, ist aber in der Umsetzung durchaus komplex. Kollaboration und Offenheit sind wichtig, da die Themenstellungen verwaltungsintern ämterübergreifend bearbeitet werden müssen und auch extern verschiedene Akteure partizipativ einzubeziehen sind.

Wir geben mit verschiedenen Publikationspartnern hierzu im Januar 2019 einen praxisorientierten Handlungsleitfaden für Kommunen heraus. Interessierte können sich gerne bei uns melden, um diesen frühzeitig zu erhalten.

21.12.2018
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