Experteninterview Joachim Lohkamp (Bundesverband Blockchain)

Was sind Ihre Berührungspunkte mit Blockchain und was fasziniert Sie daran?

Für mich geht die Faszination an der Blockchain vor allem davon aus, dass wir mit der Technologie neue Möglichkeiten haben, dezentrale Strukturen für unsere Gesellschaft sehr nutzerfreundlich abzubilden. Damit werden vielfältige neue Ansätze und Anwendungsfälle erschlossen, die sich so zuvor nicht dezentral darstellen ließen. Mit Blockchains lassen sich zudem sehr nutzerfreundliche Modelle umsetzen

Welche Sektoren der Intelligenten Vernetzung (Bildung, Energie, Gesundheit, Verkehr, Verwaltung) sehen Sie von Blockchain besonders beeinflusst und welche Veränderungen ergeben sich daraus für diese?

Blockchain basierte Lösungen werden langfristig alle Sektoren der Intelligenten Vernetzung betreffen. Die Potenziale liegen dabei vor allem in der gesteigerten Effizienz und geringeren Kosten beim Austausch von digitalen Originalen (Urkunden, Register Einträge, Zertifikate) auf Blockchain-Basis. Als Grundlage für ein Internet der Originale und Werte können damit viele Services verbessert werden, beziehungsweise erstmals neue Services bereitgestellt werden (z.B. dezentrale Register, in denen alle beteiligten Akteure entsprechend Ihrer Berechtigungen Schreib- und Leserechte erhalten.) So ergeben sich für den Bereich E-Government zum Beispiel vielfältige Möglichkeiten, bestehende Zuständigkeiten besser digital abzubilden und dabei zugleich neue Transparenz über die Nutzung und Verfügbarkeit von Daten zu erhalten. Dies kann sowohl behördeninterne Prozesse vereinfachen, als auch im Bereich Open Data neue Anwendungen ermöglichen. Vorstellbar wäre zum Beispiel die digitale Bereitstellung von Daten des Kraftfahrtbundesamtes in Echtzeit. Die Bürgerin oder der Bürger könnte dann bei der Nutzung von Car Sharing Diensten in Echtzeit die Gültigkeit der Fahrerlaubnis bestätigen lassen.

Welche Schritte oder Aktivitäten müssen unternommen werden, damit sich diese Sektoren durch Blockchain bestmöglich entwickeln können?

Insgesamt stehen wir beim Thema Blockchain noch am Anfang, sowohl bei der Frage, was technisch möglich sein wird, als auch beim Verständnis der breiten Öffentlichkeit für die Technologie. Gerne wird der Vergleich gemacht, dass  hierbeieine vergleichbare Situation sind wie beim Internet zum Anfang der 1990er Jahre vorliegt. In der Bevölkerung ein Verständnis für die Grundlagen und Potenziale der Technologie zu schaffen, sehe ich deshalb als eine zentrale Aufgabe.

Um Vertrauen in die Technologie zu ermöglichen, ist dieses Grundverständnis ungemein wichtig, gerade weil Vertrauen bisher vor allem bei einzelnen Institutionen angesiedelt war. Die Blockchain Technologie ermöglicht Vertrauen in viele Akteure auf Basis von Konsens-Protokollen. Vertrauen kann dabei je nach Blockchain sehr unterschiedlich hergestellt werden, ganz nach Anforderung der beteiligten Akteure. Dominierend sind heute vor allem mathematische Verfahren, sogenannte Konsens Algorithmen. Um den Nutzen solcher Systeme sichtbar zu machen, sind zurzeit vor allem Pilotprojekte essentiell. Durch erste praktische Anwendungen der Technologie können wertvolle Erfahrungen für eine eventuelle Regulierung gesammelt werden.

Wie bewerten Sie den Standort Deutschland im Kontext von Blockchain und worin sehen Sie ungenutzte Potenziale?

Deutschland verfügt zurzeit über eine sehr günstige Ausgangsposition bei Blockchain-Themen, da sich viele frühe Blockchain-Startups in Deutschland angesiedelt haben oder Teile der Entwicklerteams im Land sitzen. Berlin erweist sich dabei als natürlicher Gravitationspunkt und verfügt über eine aktive und hoch qualifizierte Blockchain-Community. Diese gute Ausgangslage weiter zu fördern ist essentiell, um auch weiterhin Treiber bei Blockchain-Innovationen zu sein. Ungenutzte Potenziale gibt es dabei vor allem durch die oftmals noch unsichere Rechtslage. So bestehen zum Beispiel bei der Bewertung von Token und im Datenschutz weiterhin viele Unsicherheiten. In Bezug auf Regulierungen liegt die Herausforderung heute vor allem darin, technologieneutrale Regulierungen zu formulieren und damit Innovation zu fördern.

Wo sehen Sie die Grenzen der Technologie und welche Herausforderungen gilt es zu bewältigen?

Die Blockchain-Technologie steht wie bereits erwähnt noch ganz am Anfang. Wichtig ist es daher, jetzt erste Erfahrungen zu sammeln und ein Verständnis für den mit Blockchain einhergehenden Paradigmenwechsel zu schaffen. Langfristig werden wir so in der Lage sein, die sich weiter beschleunigende Entwicklung, hin zu dezentralen digitalen Infrastrukturen, für wirtschaftlichen Fortschritt und verbesserte öffentliche Dienstleistungen zu nutzen. Technische Entwicklungen wie z.B. bessere Skalierbarkeit und geringerer Energieverbrauch spielen dabei eine ebenso große Rolle wie technologisches Verständnis und gesellschaftliche Akzeptanz.

 

09.04.2018
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