Meinungsbeitrag: Blockchain-Standort Deutschland – Warum Politik und Mittelstand jetzt handeln müssen

Dieser Meinungsbeitrag wurde von Sven Wagenknecht (Chefredakteur auf BTC-ECHO) in seiner Funktion als Blockchain-Experte auf der OIP verfasst und ist explizit kein inhaltlicher Beitrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

 

Deutschland hat den Siegeszug des Web 2.0 verpasst. Die globalen Plattformökonomien und die großen Internetkonzerne sind nicht hier im Land der Dichter und Denker entstanden, sondern im Silicon Valley. Mit ihnen ist ein enormes Maß an Wertschöpfung entstanden, von der Deutschland kaum profitiert. Diesen Zug verpasst zu haben nagt am Selbstbild des Innovationsstandorts Deutschland. Doch die nächste Welle der Digitalisierung ist bereits auf dem Weg – und mit ihr die Chance digital wieder Boden gut zu machen. Insbesondere die Blockchain-Technologie bietet Deutschland die Chance, das Blatt zu wenden. Das so genannte Web 3.0, also das der dezentralen Blockchain-Ökonomie, kann gar zum stärksten Ass im Ärmel des Technologiestandorts Deutschland werden.

 

Ob Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz oder Blockchain-Technologie – wir stehen am Beginn einer neuen Deep-Tech-Ära, die unsere gesamte Wirtschaft und Gesellschaft auf den Kopf stellen wird. Die Blockchain-Technologie kann dabei als Schlüsselinfrastruktur dienen, um auch andere Zukunftstechnologien umzusetzen. Die Industrie 4.0 braucht eine sichere Infrastruktur, um die Vernetzung zwischen Maschinen untereinander und mit Menschen zu gewährleisten. Smart Mobility, Smart Grid und Smart Fabrics werden nur dann funktionieren, wenn Daten- und Wertetransaktionen vor Cyberangriffen geschützt sind – das Internet wie wir es bislang kennen kann diese Infrastruktur nicht bereitstellen. Eine dezentrale Ökonomie, in der alles mit allem und jeder mit jedem smart vernetzt ist, braucht eine dezentrale Infrastruktur, um Transaktionsprozesse und große Datenmengen sicher abwickeln zu können und Datenhoheit zu gewährleisten.

 

Eine große Chance für Mittelständler und Hidden Champions

Genau hier kommt der deutsche Mittelstand als potentieller Profiteur der Blockhain-Technologie ins Spiel. Die letzte Welle der Digitalisierung, die Plattformgiganten wie Amazon, Google und Facebook hervorbrachte, hätte aufgrund ihrer immateriellen Wertschöpfung theoretisch an jedem Ort der Welt entstehen können, der bloß genügend Kapital, kluge Köpfe und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen bereitstellt. Die nächste Welle der Digitalisierung jedoch, die die beschriebene Vernetzung von allem mit allem mit sich bringt, schöpft ihren Wert nicht mehr allein aus rein digitalen Erzeugnissen, sondern braucht die Anbindung an realwirtschaftliche Wertschöpfungsprozesse, ergo an Industrie, um ihre Potentiale zu entfalten. Hier kann die Stunde der Mittelständler und Hidden Champions schlagen. Der Mittelstand hat die Chance, sein industrielles Knowhow durch die Integration der Blockchain-Technologie für die Zukunft zu rüsten. Dabei geht es nicht nur um Sicherheitsstandards, sondern vor allem um die Automatisierung von Produktionsprozessen und Dienstleistungen sowie die Bündelung von Wissen und Ressourcen, um so industrie- und wertschöpfungskettenübergreifende Synergieeffekte zu erzielen.

 

Wir haben das Know-How, um Blockchain-Nation Nr. 1 zu sein

Die Ausgangsbedingungen für den Schritt in Richtung Web 3.0 sind gut. Viele der klügsten Köpfe der internationalen Blockchain-Szene sitzen nicht etwa im Silicon Valley, sondern in Berlin. Gemäß ihrer Marktkapitalisierung sind die wertvollsten Startups in Berlin Blockchain-Unternehmen – Unternehmen, die inzwischen auf der ganzen Welt bekannt sind. Egal ob IOTA, Lisk oder Gnosis – in Berlin entsteht gerade eine Milliardenindustrie, die der Old Economy vom kleinen Mittelständler bis hin zum DAX-Konzern einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen kann. Wir müssen begreifen, dass wir gerade das Eintrittsticket in eine erfolgreiche digitale Ökonomie auf dem Silbertablett präsentiert bekommen. Um diese Möglichkeit wahrzunehmen, braucht es jedoch etablierte Unternehmen, die sich für disruptive Innovationen öffnen, und eine Politik, die bereit ist Neues zu fördern. Ohne die passenden regulatorischen Rahmenbedingungen und Standards wird es mangels Rechtssicherheit keine flächendeckende Blockchain-Adaption geben, werden Kooperationen zwischen innovativen Blockchain-Startups und Industrieunternehmen im Keim erstickt. Die Politik ist nun gefordert rasch Leitplanken zu bauen, ohne dabei Innovationen durch Überregulierung auszubremsen. Ein Balanceakt, denn zu große Hürden würden unweigerlich dazu führen, dass Blockchain-Unternehmen in Länder abwandern, die dem Erfindergeist der Tech-Pioniere aufgeschlossener gegenüberstehen. Entsprechend braucht es Mut und Offenheit, nicht nur von den Unternehmen, sondern auch von der Politik, um den klügsten Köpfen und innovativsten Unternehmen ein Umfeld zu bieten, in dem sie gedeihen können und so auf lange Sicht einen Mehrwert für die gesamte deutsche Volkswirtschaft liefern.

 

Die rasante Entwicklung der Blockchain-Technologie braucht schnelle Lösungen

Dass die Blockchain-Technologie im Koalitionsvertrag von Union und SPD aufgeführt wird, ist ein erster guter Vorstoß in die richtige Richtung. Gleiches gilt für die Forderung von Deutschland und Frankreich die Blockchain-Technologie beim kommenden G20-Gipfel auf die Agenda zu setzen. Absichtserklärungen alleine reichen jedoch nicht aus. Es müssen nun zügig die nächsten Schritte folgen, denn die Dynamik der Digitalisierung ist brutal. Entsprechend sind Politik und Regulierungsbehörden wie etwa die BaFin gefordert im Dialog mit Vertretern der Branche zu handeln. Der noch recht junge Blockchain Bundesverband (Bundesblock) hat bereits sehr konkrete und zielführende Forderungen formuliert. Die vom Verband genannten Maßnahmen sollten von den politischen Entscheidungsträgern ernst genommen werden. Es gilt nun rasch und gemeinschaftlich die Herausforderungen der Blockchain-Adaption anzugehen und konkrete regulatorische Rahmenbedingungen festzusetzen. Gleichzeitig bedarf es einer proaktiven Förderkultur für Blockchain-Innovationen. Wenn die Bundesregierung es mit ihrer digitalen Agenda ernst meint, dann muss die Förderung junger Blockchain-Unternehmen höchste Priorität haben.

 

20.03.2018
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