Autonome Mobilität: "Es wird nicht so schnell gehen, wie aktuell vermutet wird"

Interview mit Prof. Dr. Althoff, Professor für Cyber-Physical Systems an der TU München.

 

1. Was ist Ihr Bezug zu künstlicher Intelligenz?

Ich bin Assistenzprofessor für Cyber-Physical-Systems an der TU München. Dabei handelt es sich um Systeme, bei denen Rechner in physikalischen Systemen eingebettet sind – und da spielt künstliche Intelligenz natürlich eine große Rolle.

 

2. Sie konnten im Rahmen Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn bereits in diversen Teilgebieten Erfahrungen sammeln. Welche wissenschaftlichen Disziplinen kommen Ihrer Meinung nach in der KI-Forschung besonders zur Geltung und welche Schlüsselkompetenzen werden zukünftig an Relevanz gewinnen?

KI ist ein Überbegriff über viele Methoden, die alle ihre Daseinsberechtigung haben. Teilmethoden sind beispielsweise das Maschinelle Lernen, das momentan – teilweise zu Recht – sehr „gehyped“ wird. Zudem gibt es eher klassische Bereiche wie die Robotik, das Bildverstehen, Textverstehen oder auch Grundlagenaspekte wie Logik und den Umgang mit Unsicherheit und Komplexität. Obwohl aktuell bestimmte Bereiche mehr Aufmerksamkeit bekommen – insbesondere das Maschinelle Lernen und Deep Learning – würde ich sagen, dass keiner der Bereiche extrem unterrepräsentiert ist. Was mit jedoch noch etwas fehlt – und das ist einer meiner Arbeitsschwerpunkte – ist die Absicherung dieser ganzen technologischen Möglichkeiten. Wie kann ich beweisen, dass ein System nach dem Erlernen von Wissen noch sicher ist? Beispiel autonomes Fahren: Wir wollen autonomen Fahrzeugen ja kein menschliches, fehlerbehaftetes Fahrverhalten antrainieren, sondern wir wollen erreichen, dass sie in der Lage sind, Unfälle zu vermeiden und Personen sicher zu transportieren. Diese Themen finden meiner Meinung nach aktuell zu wenig Beachtung.

 

3. Um beim autonomen Fahren zu bleiben: Würden Sie einem jungen Menschen, der demnächst die Volljährigkeit erreicht, noch nahelegen, mehrere tausend Euro für den Führerschein auszugeben, obwohl diese dank autonomer Mobilität bald obsolet sein könnte?

Auf jeden Fall. Es wird nicht so schnell kommen, wie aktuell vermutet wird. Das kann ich versprechen. Mir ist es selbst ein Rätsel, warum ständig solch ambitionierte Ziele verkündet werden. Der Hauptgrund ist möglicherweise, dass man attraktiv für Investoren sein möchte. Das kann man sich wie einen Wettlauf vorstellen, bei dem es darum geht, stetig kürzer werdende Zeitfenster zu prognostizieren. Realistische Einschätzungen gehen jedoch davon aus, dass es wohl mindestens noch zehn Jahre dauern wird, bis vollständige autonome Mobilität erreicht ist. Was jedoch früher kommen wird, sind niedrigere Stufen des autonomen Fahrens, die eine konstante Überwachung des Fahrers voraussetzen. Das kann jedoch sehr ermüdend sein. Da gibt es vergleichbare Untersuchungen von Piloten aus dem Luftverkehr. Bei einem Flug von München nach New York fliegen diese aktiv höchstens zehn Minuten und sie überwachen die meiste Zeit lediglich ihre Instrumente. Das ist anstrengender als selbst zu fliegen. Das wird jedoch trotzdem praktiziert, da es eine sehr sichere Art des Fliegens ist und der Mensch das System überwacht. Im Auto würden die Leute jedoch eher dazu tendieren, nach wie vor selbst zu steuern. Bis wir die letzte Stufe autonomer Mobilität erreichen, die es auch sehr alten oder jungen Menschen ermöglicht, eigenständig und ohne Fahrzeugkontrolle zu reisen, wird noch einige Zeit vergehen.

 

4. Wie sehr wird sich der Mobilitätssektor in den nächsten Jahren durch künstliche Intelligenz wandeln?

Da wird es definitiv große Einflüsse geben. Autos müssen ja nicht zwangsweise in naher Zukunft autonom unterwegs sein. Denkbar sind beispielsweise schon Apps, die Mobilitätslösungen von Tür zu Tür anbieten, Verkehrskonzepte optimieren und dem Nutzer die besten Verbindungen vorschlagen. Bei Verkehrsleitsystemen der Stauvermeidung kommt dabei unter anderem Maschinelles Lernen ins Spiel. Vorstellbar sind aber auch Fahrassistenzsysteme, die in Gefahrensituationen kurzzeitig die Kontrolle über das Auto übernehmen.

 

5. In welchen Bereichen werden Technologien des autonomen Fahrens Ihrer Meinung nach am ehesten zum Einsatz kommen und welches Potenzial sehen Sie im ÖPNV?

Komisch finde ich, dass die Systeme, die einfach zu automatisieren wären, tendenziell weniger automatisiert werden. Ich denke da beispielsweise an den Zugverkehr. Es muss gar nicht mal der Personenverkehr sein, da ich gut nachvollziehen kann, dass man sich unwohl fühlt, wenn vorne kein Zugführer sitzt. Aber gerade der Güterverkehr wäre viel einfacher zu automatisieren als der Automobilverkehr. Es existieren ja bereits sichere Signalsysteme und auch wenn der Lokführer einschläft oder über ein rotes Signal fährt, passiert im Regelfall fast nichts, da der Zug automatisch abgebremst wird. Im Süden von München gab es zwar mal einen schlimmen Unfall, weil der Fahrdienstleiter das System überstimmt hat – das geht im Normalfall aber nicht. Lokführer sind aktuell noch dafür zuständig, Tiere oder Fahrzeuge auf den Gleisen zu erkennen und gegebenenfalls zu bremsen. Doch auch das können automatische Systeme schon leisten und ihr Einsatz wäre sehr kostengünstig. Im Grunde wäre auch der Schiffsverkehr einfacher zu automatisieren als der Automobilverkehr. Folglich widmen wir uns aktuell einem der schwierigsten Felder, bei dem das Interesse der Industrie jedoch am größten ist.

 

6. Das autonome Fahren wird bisweilen sehr kontrovers diskutiert. Worin bestehen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen und sind diese primär technischer, juristischer oder ethischer Natur?

Wir forschen beispielsweise an Verkehrsregeln und entsprechender Beschilderung, die für eine Maschine lesbar ist. Vieles ist da nicht genau definiert, da wir ja keine Maschinen sind und nach Gefühl fahren. Maschinen brauchen jedoch genauere Anweisungen und das betrifft schlussendlich auch die Herstellerhaftung. Ethischen Fragestellungen widmet sich eine extra eingesetzte Ethikkommission, bei der ich zwar selbst kein Mitglied bin, zu der ich aber persönliche Verbindungen habe. Technisch wird es noch einige Jahre dauern, bis autonomes Fahren serienreif sein wird. Gesellschaftlich wird es auch nicht akzeptiert werden, wenn die Fehlerquote ähnlich der des Menschen ist, sondern sie muss sich schon nahe Null bewegen. In juristischer und ethischer Hinsicht sehe ich aktuell noch am meisten Nachholbedarf, jedoch wird man bald im Gleichmarsch mit der Technik agieren und es handelt sich nur noch um eine Frage der Zeit, bis wir in autonomen Fahrzeugen unterwegs sein werden.

28.08.2017
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