„Wer als Lehrender Angst vor dem Tablet hat, sollte seine pädagogischen Konzepte überdenken“

Interview mit Prof. Dr. Igel, Wissenschaftlicher Leiter des Educational Technology Lab des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Berlin.

 

An welchen Themen forschen Sie aktuell?

Im Educational Technology Lab des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz erforschen wir seit vielen Jahren die Potenziale und Grenzen von KI-Methoden beim menschlichen Lernen, beim Lehren, in Bildungs-, Qualifizierungs- und Trainingsprozessen. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf „adaptive learning“, also den Möglichkeiten der Individualisierung und Adaptivität in Lehr-Lern-Prozessen. Aktuell fokussieren wir etwa Fragen des „in-situ learning“. Dabei geht es um die neuen Möglichkeiten, Daten aus der Maschine in Echtzeit zu nutzen, um etwa handlungsorientiertes Lernen in der Produktion zu adressieren. Die Potenziale der künstlichen Intelligenz erachte ich als zukunftsweisend.

 

Wo gibt es denn schon heute in Schule, Uni oder der Ausbildung Berührungspunkte mit KI-Anwendungen in der Bildung?

Methoden der künstlichen Intelligenz werden schon seit vielen Jahren erfolgreich eingesetzt, oftmals für den Nutzer unmerklich. Durch Unternehmen wie Google, Microsoft, IBM oder SAP ist KI längst im Alltag angekommen. Und auch in der Bildung ist dies der Fall. In meinem Lab haben wir eine lange Tradition bei der Entwicklung sogenanner intelligent-tutorieller Systeme. Das sind Technologien, die es ermöglichen, den Lernenden etwa in verschiedenen Bildungssituationen gezielt und passgenau zu unterstützen. Solche Systeme gibt es seit vielen Jahren, etwa in den Mathematik-Brückenkursen, die das mathematische Wissen vor dem Übergang von Schule zur Hochschule auffrischen und vertiefen. Und derzeit entwickeln wir gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Ulm ein intelligent-turorielles System für das Erlernen von anatomisch-mikroskopischen Inhalten. Das ist hochspannend, mutig und innovativ!

 

Brauchen wir in Zukunft noch Lehrkräfte? Und falls ja: Was wird deren Rolle sein?

Die Frage nach der Substitution von Lehrenden durch Computer, das Internet oder künftig vielleicht durch Roboter ist auch nicht sonderlich originell. Wenn ich als Hochschullehrer die Befürchtung habe, dass meine Vorlesung durch ein Video ersetzt wird, dann sollte ich über meine pädagogischen Konzepte nachdenken. Wenn ich als Lehrer die Angst habe, dass das Tablet „mehr weiß“ als ich selbst und ich dieses im Unterricht daher nicht nutze oder die Schulleitung Tablets gar verbietet, dann hat dies wenig mit Lebensrealität zu tun. Da kann ich nur dringlich eine Auffrischung medienpädagogisch fundierter Lernszenarien empfehlen. Die Lehrenden müssen raus aus der Wohlfühlzone und rein in neue pädagogische Szenarien. Bildungsräume sind heute auch beeinflusst durch Technologien. Wer dies ignoriert, vergeht sich meines Erachtens an unseren Kindern und Jugendlichen. Die Frage muss vielmehr lauten: Wie können die neuen Technologien sinnhaft in den Unterricht integriert werden? Lehrende müssen sich auf eine höhere Ebene begeben: Nur Informationen vermitteln reicht nicht – das Internet ist voll mit Informationen und es werden jeden Tag mehr. Lehrende müssen sich im 21. Jahrhundert viel mehr auf den  Diskurs, die Reflexion konzentrieren – das ist doch zentraler Bestandteil von Bildung. Technologien entlasten uns von der „Vorlesung“ und schaffen Raum für Diskurs. Das ist doch hervorragend.

 

Angesichts tradierter Lehrformen beklagte Richard David Precht vor ein paar Jahren: „Wir brauchen keine weitere Bildungsreform, wir brauchen eine Bildungsrevolution!“

Diese Aussage trifft einen wichtigen Punkt: Änderungen sind erforderlich. Nicht an der Oberfläche, sondern substantiell. Aber was ist das Ziel? Die digitale Hochschule? Neue Schulen? Sind die Bildungseinrichtungen in Deutschland so schlecht, dass es einer Revolution bedarf? Ich denke nicht. Wir brauchen sicherlich in der Breite ein verändertes, zeitgemäßes Mindset des Lehrkörpers. Das ist aber nicht zu verordnen. Und eine Revolution wird dies auch nicht erzeugen. Wir brauchen gebildete Menschen, die sich aus Überzeugung, mit intrinsischer Motivation und großem Engagement für die Weiterentwicklung unserer Bildung stark machen. Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind dabei Elemente, die helfen können, Dinge vielleicht besser, auf jeden Fall aber anders zu machen, als Generationen von Berufspädagogen vorher. Wir sollten aber auch den Blick erweitern und nicht immer nur auf die formal-strukturierten Bildungseinrichtungen schauen. In Sportvereinen, in Volkshochschulen, in der Familie – überall wird gelernt. Zumeist ohne externe Stimuli, weil es Freude bereitet und man neugierig ist. Vielleicht demnächst gemeinsam mit einem intelligenten, humanoiden Roboter, der versteht, spricht, assistiert. Das ist doch eine spannende Vorstellung, die wir erproben sollten – und auch dabei werden wir wieder viel lernen.

23.08.2017
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