"AI is going to change the world and impact all industries."

Interview mit Frederik Hammermeister, Principal bei Roland Berger.

 

1. Herr Hammermeister, wie erklärt sich Ihre Leidenschaft für künstliche Intelligenz?

Ich komme zu dem Thema künstliche Intelligenz, da ich seit Jahren Technologiekonzerne berate. Dort habe ich schon früh erkannt, welches Potenzial die Automatisierung von wiederkehrenden, komplexen Prozessen bietet. Ich bin der Meinung, dass diese Technologie Unternehmungen, die Gesellschaft und die Welt nachhaltig verändern wird. Bei Roland Berger baue ich gemeinsam mit Kollegen den entsprechenden Kompetenzschwerpunkt auf.

 

2. Was genau ist künstliche Intelligenz?

Künstliche Intelligenz ist ja erstmal relativ unscharf definiert. Um es aber stark zu verkürzen, kann man sagen, dass das, was heute in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird bzw. zunehmend kommerziell erfolgreich ist, eine Technologie ist, die Machine Learning bzw. Deep Learning heißt. Die Grundlagen dafür wurden bereits in den 1950er und 1960er Jahren entwickelt. Richtig zur Geltung kam sie jedoch erst in den letzten Jahren durch die Verfügbarkeit von sehr großen Datenmengen und Rechenkapazitäten und einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Verfahren. Auf Basis von enorm großen Datensätzen sind Computer heute dazu in der Lage, sich eigenständig Zusammenhänge zu erschließen. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass nicht mehr alle Algorithmen manuell programmiert werden. Vielmehr überlässt man das bis zu einem gewissen Grad dem System. Insbesondere bei Anwendungsfällen, die sich aufgrund ihrer Komplexität nur schwer mit klassischen Algorithmen beschreiben lassen, wie etwa bei der Bilderkennung, ist das ein enormer Fortschritt.

 

3. Welche konkreten Anwendungsbeispiele kennen Sie, die bereits heute unseren Alltag prägen?

Da denke ich zunächst an die diversen virtuellen Assistenten, die viele auf dem Smartphone haben. Sei das Siri von Apple, der Google Assistant oder Amazons Alexa – alle fußen sie sehr stark auf KI-Technologien, dem sogenannten Natural Language Processing, das in den letzten Jahren entschiedene Fortschritte gemacht hat. Da ist vielen gar nicht bewusst, dass sie tagtäglich künstliche Intelligenz in der Hosentasche mit sich herumtragen.

 

4. Welches Potenzial haben KI-Technologien für die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen und wie sehen diese in Zukunft aus?

Kurzfristig gedacht bietet die künstliche Intelligenz ein gewisses Automatisierungspotenzial. Da kommt eine ganze Reihe von Tätigkeiten in Frage, wie zum Beispiel die maschinelle Bilderkennung im medizinischen Bereich (MRT) oder in der industriellen Fertigung. Wo früher noch eine Sichtkontrolle notwendig war, kann dies heute mittels Sensorik und Algorithmen geleistet werden. Aber auch im Bereich des Natural Language Processing kann beispielsweise die Kommunikation mit dem Kunden in naher Zukunft automatisiert werden, bzw. ist das heute schon zum Teil möglich. Kurzfristig sind dadurch Kosteneinsparungen möglich: hier können Prozesse optimiert und Wartezeiten reduziert werden. Bezüglich möglicher Auswirkungen auf der Geschäftsmodellebene stehen wir noch ziemlich am Anfang der Diskussion. Wenn das reine Anwenden von Wissen zunehmend automatisiert wird, lautet die wesentliche Frage, die sich Unternehmen in diesem Zusammenhang stellen müssen: Welche Felder werden relevant und wo kann ich zusätzliche Wertschöpfung kreieren? Welche differenzierenden Dienste kann ich anbieten, die mir auch in Zukunft einen Wettbewerbsvorteil garantieren und wie baue ich mir präventiv das entsprechende Personal auf?

 

5. Welche KI-Anwendungen lassen sich dabei heute schon schnell implementieren?

Ich glaube, das hängt sehr stark vom jeweiligen Unternehmen ab. Eine große Revolution findet bereits auf dem Gebiet der Bild- bzw. Spracherkennung statt. Jedoch muss man sich als Unternehmen fragen, ob man über die entsprechenden Datensätze verfügt, die natürlich die Basis jeder KI-Anwendung darstellen. Viele Lösungen, die sich aktuell in der Entwicklung befinden, gehen in diese Richtung und befinden sich beispielsweise an der Kundenschnittstelle Sprache (Callcenter). Optische Anwendungsfelder finden sich beispielsweise in der industriellen Fertigung, wo schon heute großes Automatisierungspotenzial besteht.

 

6. Wie steht es ihrer Meinung nach um den öffentlichen Sektor und die Anwendungsfelder Bildung, Energie, Gesundheit, Verkehr und Verwaltung?

Wenn man sich ansieht, wo die größten Funding-Summen in KI-Technologien fließen, dann sticht das Finanzwesen hervor, gefolgt vom Gesundheitsbereich und dem Einzelhandel. Von den für die Open-Innovation-Plattform relevanten Sektoren ist das Thema Gesundheit wohl das am meisten fortgeschrittene. Im Bildungsbereich existieren sehr spannende Visionen, aber das hat meiner Meinung nach eher langfristiges Potenzial. Definitiv sollte aber künstliche Intelligenz zeitnah in die Ausbildung junger Menschen integriert werden, da das Thema zunehmend an Relevanz gewinnt. In den Feldern Verkehr und Energie müssen große, komplexe Systeme koordiniert werden. Gerade bei zunehmender Dezentralisierung der Energieversorgung, dem Lastenmanagement, dem autonomen Fahren und der intelligenten Verkehrssteuerung werden KI-Technologien in Zukunft unerlässlich.

27.07.2017
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