Künstliche Intelligenz in der Verwaltung

Interview mit Jens Tiemann & Mike Weber vom Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT)

 

1. Künstliche Intelligenz ist aktuell in aller Munde. Was verbirgt sich Ihrer Meinung nach hinter diesem schillernden Begriff?

Tiemann: Aus unserer Sicht ist Künstliche Intelligenz der Oberbegriff für eine Sammlung von Methoden zur Analyse von Daten. Diese Methoden ermöglichen zum Beispiel autonome Maschinen und dienen zur Verbesserung der Interaktion von Maschinen mit ihrer Umwelt – und damit natürlich auch mit Menschen. Ziel dieser Werkzeuge ist es, Computer und Maschinen zu optimieren.

Weber: Vor einigen Jahren hieß es noch, entscheidend sei dabei der Wow-Effekt: Erst wenn die Verbesserungen so groß sind, dass sie Menschen überraschen, wird den Werkzeugen so etwas wie Denkvermögen zugesprochen. Da das „Wow“ von gestern allerdings schnell zur Selbstverständlichkeit von morgen wird, trägt diese Einschätzung nur bedingt. Inzwischen geht die Abgrenzung intelligenter Systeme eher von der Benennung konkreter Werkzeuge aus. Neuronale Netze (http://www.oeffentliche-it.de/-/neuronale-netze) erleben derzeit etwa eine neue Blüte.

Tiemann: Solche Werkzeuge ermöglichen ganz neue Anwendungen, wenn einige Voraussetzungen erfüllt sind, wie die Verfügbarkeit von Daten, Rechenleistung oder Netzanbindungen. Und damit bleibt die Digitalisierung weiter spannend: Sicher ist, dass es immer wieder scheinbar plötzlich erstaunliche und dann auch massenhaft genutzte Anwendungen geben wird. Nur der Zeitrahmen und welche Anwendungen es genau werden, das ist schwer vorherzusagen – weil es eben von vielen Bedingungen abhängt, technisch wie kulturell.

 

 2. Welche Rolle spielen KI-Technologien im öffentlichen Sektor? Was wird sich Ihrer Meinung nach grundlegend verändern?

Tiemann: KI-Technologien haben ein großes Potenzial zur Vorhersage zukünftiger Entwicklungen und bei der bedarfsgerechten Gestaltung von Angeboten. Daher werden KI-Techniken schon jetzt in der Bedarfsplanung eingesetzt, beispielsweise bei der Energieversorgung oder beim Nahverkehr.

Der öffentliche Sektor mit seiner Gemeinwohlorientierung kommt noch weiter unter Druck – da einerseits hocheffiziente Angebote der Wirtschaft auf den Markt drängen (wie etwa Mitfahrdienste im Bereich des Nahverkehrs oder dezentrale Energieversorgung), andererseits aber die Pflicht des Staates besteht, alle Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen und auf vergleichbarem Niveau zu versorgen. Im öffentlichen Sektor wird daher die digitale Spaltung besonders sichtbar – und KI wird diesen Trend verstärken. Umso wichtiger ist, dass die öffentliche Hand Erfahrungen mit den neuen Techniken aufbaut und dabei den Bürgerinnen und Bürgern ihre besonderen Gestaltungsprinzipien bei der Techniknutzung erklärt. Für die gesamte Gesellschaft ist „schnell und billig“ nicht immer das oberste Ziel, es geht auch um Zuverlässigkeit und Qualität.

Weber: Dem öffentlichen Sektor kommt also eine Doppelrolle zu. Zum einen gilt es, Rahmenbedingungen zu setzen, damit möglichst Viele von den neuen Möglichkeiten profitieren können. Dabei müssen nach wie vor grundlegende Fragen  – wie etwa die nach dem Schutz personenbezogener Daten – beantwortet werden. Je stärker die Datenanalyse das Leben der Menschen beeinflusst, desto drängender werden solche Fragen. Zum anderen kann der öffentliche Sektor hier mit guten Beispielen vorangehen. Sobald der Einsatz von KI konkrete Mehrwerte für die Beteiligten bringt – also etwa den Verwaltungskontakt vereinfacht – wird die Akzeptanz solcher Anwendungen steigen. Die dabei gesetzten Qualitätsstandards strahlen dann auch auf den privaten Sektor aus.

 

3. Inwiefern kann Künstliche Intelligenz helfen, speziell Verwaltungsabläufe zu optimieren bzw. diese transparenter zu gestalten?

Tiemann: Hier liegt eine große Chance: Die Qualität von Entscheidungen kann mithilfe von KI gesteigert werden. Konkret: Es wird zum Beispiel leichter, Informationen sowohl aufzubereiten als auch passgenau abzurufen. Dies unterstützt in hohem Maße die Mitarbeiter der Verwaltung: Einfache, standardisierte Verwaltungsvorgänge lassen sich vollständig automatisieren. Auch die Auswirkungen von Verwaltungsvorgängen können systematischer analysiert und hieraus die richtigen Schlüsse gezogen werden. Ein paar praktische Beispiele: Intelligente Chatbots können die Suche nach Informationen auf Behörden-Webseiten unterstützen. Ebenso können sie Bescheide geduldig und auf unterschiedlichen Wissensniveaus erklären und somit zur Transparenz von Verwaltungsentscheidungen beitragen.

 

4.  Welche Schritte müssen hierzu eingeleitet werden?

Tiemann: Die Grundlage sind Daten, viele Daten. Aber diese Daten müssen überhaupt zur Verfügung stehen und von Computern „verstanden“ werden. Daher ist es bei der Digitalisierung der Verwaltung weiterhin wichtig, auf standardisierte Datenformate und Austauschbarkeit zu achten. Die fortschreitende Automatisierung für Verwaltungsabläufe sorgt dann für mehr verfügbare Daten. Service- und Bürgerkonten sind ein weiterer Baustein, um bereits vorliegende Informationen aller Art für eine weitere Nutzung verfügbar zu machen. Wichtig ist diesem Anwendungsgebiet, dass bei aller Automatik letztlich Menschen über Menschen entscheiden und Maschinen nur unterstützen. Computer können in vergleichbaren Fällen gleichförmiger und damit „gerechter“ entscheiden, aber sicherlich nicht die gesamte Lebenswirklichkeit in ihrer Komplexität bewerten.

 

5. Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wo bestehen die größten Möglichkeiten und zugleich Herausforderungen für KI im öffentlichen Sektor?

Tiemann: Am Beispiel des öffentlichen Sektors kann man exemplarisch zwei Grundprinzipien bei der Nutzung von KI-Methoden unterscheiden: die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten und die genaue Entscheidung aus vorliegenden Informationen. Gelten Entscheidungen für eine große Gruppe von Personen, so können automatische Optimierungen mit Hilfe von Wahrscheinlichkeiten den gesamtgesellschaftlichen Nutzen erhöhen, auch wenn es Nachteile für einzelne Personen bringt. Dagegen muss eine einzelne Entscheidung für eine bestimmte Person immer korrekt und nachvollziehbar sein. Ein Beispiel: Eine unpassende Produktempfehlung ist ärgerlich und wenn das zu oft vorkommt, dann gehen die Verbraucher zu einem anderen Händler und der Webshop ist pleite.

Weber: Dabei eröffnen sich immer neue Datenquellen, die beträchtliche Potenziale bieten. Die Digitalisierung der Verwaltung ist das eine. Dadurch wird technisch die Verarbeitung des enormen Datenschatzes erleichtert, den der öffentliche Sektor heute schon hat: denken wir nur an Verbrauchsdaten der Versorger oder die Gesundheitsdaten der gesetzlichen Krankenkassen. Mit Konzepten von der smarten Stadt und smarten Region wird die Verfügbarkeit von Daten weiter zunehmen. Zugleich wird es immer schwieriger für den Einzelnen, sich der Datensammlung zu entziehen. Über die konkrete Verwaltungsarbeit und die technische Umsetzung hinaus entstehen dadurch neue Herausforderungen: Wer bekommt Zugriff auf welche Daten? Wer stellt die Infrastruktur bereit, die dafür erforderlich ist? Wie müssen Daten bearbeitet werden, damit sie einen echten Mehrwert für die Gesellschaft bieten? Und wie werden sie vor Missbrauch geschützt?

 

6.  Welches Potenzial haben KI-Technologien? Welche Chancen – und vielleicht sogar konkrete Anwendungsmöglichkeiten – sehen Sie in den anderen Anwendungssektoren Bildung, Energie, Gesundheit und Verkehr?

Tiemann: KI-Techniken werden genutzt, damit Computer und Maschinen auch in komplexen Situationen automatisiert Entscheidungen treffen können. Insofern ist ihr Einsatz ein folgerichtiger Schritt beim Fortschreiten der Digitalisierung in allen Anwendungssektoren.

Weber: Die Beispiele sind heute bereits vielfältig, wenn es beispielsweise um die intelligente Steuerung von Stromnetzen geht. Auch intermodale Verkehre, also die Nutzung verschiedener Verkehrsträger, wird durch Daten und ihre intelligente Auswertung noch einfacher als heute werden. Schon bei diesen beiden Beispielen wird deutlich, dass KI dazu beitragen kann, gesamtgesellschaftliche Herausforderungen wie etwa den Klimaschutz zu bewältigen – und dies auf eine für die Nutzerinnen und Nutzer sehr komfortable Weise.

 

12.07.2017
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