Künstliche Intelligenz - "Der öffentliche Sektor könnte meiner Meinung nach beherzt vorangehen"

Interview mit Prof. Dr. Alois Knoll, Lehrstuhl für Echtzeitsysteme und Robotik an der TU München 

 

  1. Wer sind Sie und wie erklärt sich Ihre Leidenschaft für künstliche Intelligenz und Robotik?

Mein Name ist Alois Knoll und ich bin seit 2001 Professor für Robotik und Eingebettete Systeme in der Fakultät für Informatik der TU München. Insgesamt bin ich seit mehr als 30 Jahren in der Robotik tätig und habe mich mit der zentralen Fragestellung beschäftigt, wie sich Aspekte natürlicher Intelligenz auf die Technik übertragen lässt. Ich sehe embodied intelligence als das „große Ding“ für die Zukunft; hierzu habe ich in vielen Forschungsprojekten seit langer Zeit gearbeitet – jetzt geht es um die konkrete Umsetzung.

 

  1. An welchen Themen forschen Sie aktuell und welche Durchbrüche konnten Sie und Ihr Team bereits verzeichnen?

Wir beschäftigen uns im Wesentlichen mit der Frage: Wie kann ich die Kommunikation zwischen einem intelligenten technischen System und dem Menschen so gestalten, dass der Mensch das technische System als ernstzunehmenden Gesprächspartner wahrnimmt? Hier haben wir ein sehr komplexes Problem vor uns. Wir haben als erste weltweit Roboter gebaut, die man wirklich umfangreich sprachlich instruieren konnte bzw. die man multimodal instruieren konnte (durch Fingerzeigen, Blickbewegungen, etc.). Wir haben außerdem einige Durchbrüche bei „soft robotics“, erzielt, indem wir einen Modulbaukasten entwickelt haben, mit dem man sehnengesteuerte Roboter einfach zusammenbauen kann. Damit wird es Anwendern ermöglicht, schnell von der Idee zu ersten Prototypen zu kommen. Ein anschauliches Beispiel ist der Roboter „Roboy“, den der Kollege Prof. Pfeifer an der Universität Zürich zusammen mit uns entwickelt hat. Wir betreiben seine Weiterentwicklung nun an der TU München. Zudem sind wir in den Bereichen Computer Vision (Maschinelles Sehen) und Autonomes Fahren aktiv und haben dort interessante Algorithmen und Programmbibliotheken entwickelt.

 

  1. Wie gestaltet sich das Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz und Robotik und wie ist der aktuelle Forschungsstand?

Künstliche Intelligenz und Robotik stehen in einem unauflöslichen Zusammenhang, denn um Intelligenz zu produzieren, die etwas mit unserer Welt zu tun hat, muss man einen Roboter haben, der sich tatsächlich in unserer Welt bewegt und Verhalten in unserer Welt entwickelt. In Abwandlung des Wittgensteinschen Sprachspiels könnte man fragen: Wenn der Löwe sprechen würde, was könnte er uns sagen? Die Erfahrungswelten wären ganz andere, wenn wir uns in unseren Erfahrungswelten mit einer Maschine austauschen wollen. Um „sinnvoll“ mit uns kommunizieren zu können, müssen Maschinen über ähnliche Erfahrungswelten verfügen und die bekommt man nur, wenn man einen ähnlichen Körper hat. Deshalb ist die Verbindung zwischen Robotik, die Körper bereitstellt, und künstlicher Intelligenz, eine so innige.

Da in der KI bereits frühzeitig bahnbrechende Erfolge erzielt werden konnten, hat diese sich sehr ausdifferenziert, während die Robotertechnik, die ja viele mechanische und elektrische Bauelemente enthält, lange Zeit hinterherhinkte. In diesen Bereichen wurde jedoch enorm aufgeholt und man kann heutzutage viel leistungsfähigere Körper bauen, die mit entsprechend leistungsfähigen Rechnern zu koppeln sind. Daher kann man damit rechnen, dass man in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich so etwas wie sich selbst verbessernde Intelligenz in einem solchen Roboter beobachtet.

 

  1. Sie haben bereits an diversen nationalen und internationalen Forschungsprojekten mitgewirkt bzw. diese koordiniert (u.a. im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie) und waren in unterschiedlichen EU-Gremien aktiv. Welche Chancen und Herausforderungen bieten KI-Technologien für den öffentlichen Sektor?

Die KI bietet wirklich ungeahnte Möglichkeiten in allen Bereichen. Die KI ist eine Basisplattform, die alles durchdringt. Die Frage ist jedoch, wie wir uns in Europa zukünftig positionieren. Wollen wir wieder den Amerikanern und den Chinesen das Feld überlassen oder wollen wir hier vorausgehen? Hierzu haben wir durchaus die Möglichkeit. Wir haben die entsprechende Forschungslandschaft und die Ressourcen, die hierzu nötig wären. Vielleicht haben wir aber auch mehr Befürchtungen – das ist ja kein neues deutsches Phänomen.

Der öffentliche Sektor könnte meiner Meinung nach beherzt vorangehen. Dabei geht es beispielsweise um die Frage: Wie präsentiert sich die Verwaltung den Bürgern? Da sollte man meiner Meinung nach ansetzen, denn die zur Zeit angebotenen Dienste sind nicht sonderlich attraktiv und weichen noch dazu von Bundesland zu Bundesland stark voneinander ab. Wenn Sie mich fragen, gibt es keinen Grund, warum es nicht ein intelligentes, natürlichsprachliches Interface zwischen der Verwaltung, dem öffentlichen Sektor allgemein, und den Bürgern geben sollte. Das kann mit einer „Vermittlungsschicht“ künstlicher Intelligenz realisiert werden. Natürlich muss sichergestellt werden, dass den Forderungen zu Datenschutz und Privatsphäre auch Rechnung getragen wird. Wenn es aber gelingt, könnte der öffentliche Sektor sagen: Wir haben KI als Basistechnologie verstanden und wir fördern das nicht nur als Wissenschaftsprojekt, sondern wir benutzen es mit großem Erfolg auch selbst.

Die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen stellt natürlich wie immer eine Herausforderung dar, jedoch ist sowohl eine Projektförderung denkbar, als auch eine Förderung durch den Staat als Nachfrager im Sinne einer vorwettbewerblichen Beschaffung. Da sind viele Projekte denkbar, die der Staat als Pionier noch lange vor der Privatwirtschaft installieren könnte. Der Staat als öffentlicher Auftraggeber hat eine enorme Nachfragemacht, er müsste sie nur geschickt einsetzen im Sinne von weitreichenden Investitionen in Forschung und Entwicklung und die Realisierung erster Pilotapplikationen.

 

  1. Wie können KI-Technologien zur intelligenten Vernetzung verschiedener Sektoren beitragen (Bildung, Gesundheit, Energie, Verkehr, Verwaltung)? Haben Sie konkrete Anwendungsbeispiele?

Die Möglichkeiten, Informationen zu analysieren, zu filtern, zusammenzufassen, zu bewerten und neu zu strukturieren sind aufgrund der heute zur Verfügung stehenden Rechentechnik praktisch unbeschränkt. Die KI fügt nun noch eine Verständnisebene hinzu, d.h. es wird eine bessere automatische Interpretation unter dem in den Rechnern vorhandenen und ständig erweiterten Wissen möglich. Damit lassen sich dann nicht nur Handlungsempfehlungen für jedwede Bereiche erzeugen, sondern auch ständig aktualisierte datenbasierte Voraussagen machen oder sogar direkt Geräte im Internet-of-Things steuern.  

Als Anwendungsbeispiel würde ich den intelligenten Zugang zu den einzelnen Bereichen, die Sie genannt haben, ins Auge fassen. Ein elementares Beispiel zum Thema Bildung: Nehmen wir an, ich möchte von Baden-Württemberg nach Bayern umziehen, habe Kinder im schulpflichtigen Alter und möchte eine qualifizierte Auskunft bekommen. Was gibt es da zu beachten, unter meinen speziellen Erfordernissen? Die Antwort könnte in dem Fall automatisch erzeugt werden, dürfte jedoch nicht wie bei einer Google-Anfrage aus 10.000 Dokumenten bestehen, die man im Endeffekt selbst studieren muss.

Energie: Hier könnten dem Bürger intelligente Assistenten zur Verfügung gestellt werden, die beispielsweise beim Wechsel des Stromanbieters behilflich sind. Das ist ja ein staatlich gewünschter Vorgang, weil man den Wettbewerb unterstützen möchte. Jedoch wechseln aus Gründen mangelnder Transparenz lediglich 10 bis 20 Prozent der Endabnehmer ihren Tarif. Beratung und Zugang könnten durch KI-Technologien sicher wesentlich effizienter gestaltet werden.

Verkehr: Hier habe ich selbst vor kurzem ein Forschungsprojekt initiiert, wo es darum geht, einen digitalen Zwilling des Autobahngeschehens auf dem Testfeld A9 als Infrastruktur zu entwickeln. Die nötigen Rohdaten gewinnen wir über mitfahrende und stationäre Sensorik. Basierend darauf können später intelligente Dienstleistungen angeboten werden. Dadurch soll beispielsweise das gegenwärtige Verkehrsaufkommen prädiziert werden. Also einfache Frage: wie sieht es jetzt live und wie in einer halben Stunde (als live-Simulation) auf der A9 aus? Die einzelnen Verkehrsteilnehmer sollten gemäß ihrer Bedürfnisse immer das optimale Maß an Information bekommen. Das stellt eine Intelligenzleistung dar, die man einer Maschine durchaus übertragen kann. Voraussetzung sind aktuelle Basisdaten und eine entsprechende Anfrageschnittstelle, die jeden dazu in die Lage versetzt, jene Informationen zu bekommen, die er gerade benötigt.

26.06.2017
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