Daten sind das Öl der Neuzeit

Interview mit Fabian Westerheide, Gründer und Investor im Bereich künstlicher Intelligenz

 

1. Wer sind Sie und womit beschäftigen Sie sich aktuell?

Ich bin Unternehmer, Investor, Redner und Autor im Bereich künstliche Intelligenz. Natürlich bin ich auch Wahl-Berliner, Ehemann, Paintballspieler und VR-Gamer.

 

2. Was ist künstliche Intelligenz?

Künstliche Intelligenz kann man unterschiedlich erklären. Meine technische Antwort ist, dass Künstliche Intelligenz ein Model von Algorithmen ist, welches Daten erhebt, bearbeitet und ausgeben kann. Innerhalb dieses Models lernt die künstliche Intelligenz, verbessert sich und versucht ein Optimum zu erreichen.

Anders erklärt: Künstliche Intelligenz ist ein Werkzeug für Menschen, um unsere geistigen Fähigkeiten zu erweitern.

 

3. Wie erklärt sich Ihre Leidenschaft und Neugier für künstliche Intelligenz?

Unbewusst fing es schon als Kind an. Die Bots in CounterStrike waren dumme KIs. Die Bots bei StarCraft 1 waren schon besser. Parallel hatte ich ein reges Interesse an SciFi. Die 80er und 90er prägten mich und in den 2000ern fing ich an, Softwarefirmen zu gründen und aufzubauen. 2012 bis 2014 waren dann die Jahre, in denen ich merkte, dass künstliche Intelligenz den Sprung aus der Gaming-Welt in die Software-Welt schafft.

So gesehen habe ich die ganzen Jahre gewartet. Mich begeistert das Thema künstliche Intelligenz, weil es mehr ist als nur ein Produkt. Es ist eine horizontale Technologie, welche uns alle berührt: Menschen, Staaten, Firmen, Geschäftsmodelle, Sicherheit und Freiheit.

 

4. Im Rahmen des Fachgespräches des Ausschusses Digitale Agenda vom März 2017 haben Sie für eine europäische Agentur plädiert, die Strategien für die Technologieförderung entwickeln soll. Wie stellen Sie sich eine derartige Institution vor und welchen Mehrwert kann sie bringen?

Es ist vorerst eine Vision und kein fertiger Plan. Wir brauchen in Europa mehr Fokus auf künstlicher Intelligenz. Wir müssen künstliche Intelligenzen fördern, statt sie zu regulieren. Wieso? Weil wir sonst bald nur noch ausländische Systeme haben, die unseren Verkehr steuern, unsere Wirtschaft lenken und unsere Kinder erziehen. Sind wir bereit zu akzeptieren, dass unsere Kinder bald chinesische Werte am Rechner lernen und unsere Autos nach amerikanischer Moral durch unsere Innenstadt fahren? Wenn nicht, dann sollten wir uns aufs Dringendste darum bemühen, dass wir in Europa das Thema künstliche Intelligenz ernst nehmen.

Dafür braucht es mehr Fokus durch Politik, Wissenschaft und Wirtschaft auf folgende Bereiche:

  • Erforschung von kognitiven Systemen und maschinellem Lernen
  • Förderung von jungen Firmen im Bereich künstliche Intelligenz
  • Anreize für etablierte Firmen, mehr im Bereich künstliche Intelligenz zu investieren
  • Eine offene Diskussion über Sicherheit, Moral, Ethik, Konsequenzen und Potentiale

 

Die EU ist bereits gut darin, Behörden zu erschaffen. Ich muss nicht erklären, wie das geht. Voraussetzung ist es, erst einmal den Willen zu haben, etwas zu ändern und eine Vision zu haben, wie künstliche Intelligenz das Leben der EU-Bürger bereichern wird.

Künstliche Intelligenz betrifft alles: Gesundheitspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Innere und Äußere Sicherheit, Wirtschaftspolitik, Forschungspolitik. Daher lässt sich diese Institution nicht einfach gründen. Es braucht den Mut und die Bereitschaft vieler, dass wir nicht länger der Spielball zweier Systeme sein wollen. Es braucht die Erkenntnisse, dass Europa alle notwendigen Ressourcen hat und wir diese nun endlich nutzen sollten.

 

5. Wie steht es um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im Bereich künstlicher Intelligenz?

Die positive Nachricht: Es steht gut um Deutschland. Berlin als digitaler Hub ist auf Platz 4 der größten Ökosysteme der Welt. Deutschland hat ausgezeichnete Forscher und mit dem DFKI, Max-Planck, HPI und Fraunhofer auch Institutionen mit Jahrzenten an Erfahrung. Ebenso hat Deutschland eine starke Wirtschaft mit hoher Automatisierung.

Die negative Nachricht: Wir machen nichts daraus und das Zusammenspiel funktioniert nicht. Die Forschung arbeitet nicht mit Startups. Unternehmen kaufen wiederum keine Startups oder entwickeln selber unzureichend intelligente Lösungen. Wir unterschätzen erneut die disruptive Kraft und die Geschwindigkeit des Wandels. Wir haben in der ersten Welle der Digitalisierung gesehen, wie schnell Musikkonzerne, Verlagshäuser, Zeitungen und Händler vom Markt verschwinden. Wer sich nicht anpasst, der existiert in 10 Jahren nicht mehr. Dafür haben wir heute Google, Spotify, Facebook und andere Giganten, die deren Platz einnehmen.

In den USA (insbesondere im Silicon Valley) arbeiten die Universitäten sehr eng mit Startups zusammen. Startups erhalten zudem zehnmal mehr Kapital als in Deutschland. Dieses Kapital wird genutzt für die Gewinnung der besten Talente, für Wachstum und Markteroberung. Zusätzlich kaufen amerikanische Konzerne wie Cisco, Google, Apple, IBM, Intel jedes Jahr hunderte kleinerer Firmen. Das ist sehr vorteilhaft, denn es spielt Geld in das System und sorgt wiederum für mehr Innovation in den Konzernen.

Dieser Zyklus ist in Deutschland unterbrochen. Deutsche Konzerne entwickeln zu viel intern und nutzen nicht die Startup-Industrie als Crowdsourcing für Talente und Produkte.

Was früher funktionierte (starke interne Forschung), ist heute nicht mehr zeitgemäß. Viele Pharmafirmen haben schon lange erkannt, dass es günstiger ist Biotech-Startups zu kaufen, als selber an neuen Medikamenten zu forschen.

Ansonsten haben wir eigentlich ideale Voraussetzungen. Unsere Produkte sind oft hoch technisch. Wir expandieren global. Wir haben einen starken Ruf und einen hohen Qualitätsstandard. Nun muss die deutsche Industrie umdenken und statt Hardware zu verkaufen, sollte sie lieber intelligente Lösungen verkaufen. Hardware ist nur das trojanische Pferd für Software. Wir müssen daher umdenken, uns mehr auf Software fokussieren und diese weltweit anbieten.

Was wir auf keinen Fall machen dürfen, ist unsere Daten an ausländische Konzerne zu geben und die Software von ihnen schreiben zu lassen. Wir brauchen eigene Lösungen und müssen die Hoheit über unsere Daten behalten. Dabei geht es weniger um die Daten einer Firma, als die Daten, die innerhalb der EU generiert werden.

 

6. Welche politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen benötigen hiesige KI-Startups, um international skalierbare Geschäftsmodelle zu entwickeln?

KI-Startups brauchen Kapital, Daten, Kunden, Mitarbeiter und Käufer.

Kapital ist ausreichend vorhanden, wird aber nicht in künstliche Intelligenz investiert. Stattdessen werden Immobilien gekauft oder das Geld mit negativen Zinsen angelegt. Deutsche Kapitalgeber sind risikoscheu und unternehmerfeindlich. Der Staat bemüht sich, jedoch macht er strategisch einige Fehler, die wiederum den ganzen Markt hemmen.

Daten sind das Öl der Neuzeit. Ohne Daten können keine künstliche Intelligenzen trainiert werden. Daher braucht es einen offeneren Umgang mit Daten, insbesondere zwischen Konzernen und Startups. Konzerne haben oftmals ungemein viele Daten, doch es fehlt ihnen an Prozessen, diese zu verwenden.

Auch Startups müssen Geld verdienen und brauchen Kunden. Eine Bereitschaft von Konzernen, auch mit jungen Firmen zu arbeiten, ist sehr wichtig. Dafür braucht es zentrale Ansprechpartner, schnellere Prozesse und Vertrauen. Es treffen oftmals zwei Welten aufeinander und Konzerne könnten eine Menge von Startups lernen.

Mitarbeiter sind der Garant für jeden Erfolg einer Firma. Daher braucht es einen flexibleren Arbeitsmarkt, insbesondere für Talente auch aus dem Ausland. Die meisten Startups sprechen Englisch und haben dutzende Nationalitäten. Gemischte Teams sind oft kreativer und schneller. Gleichzeitig sollten Universitäten noch enger mit Startups arbeiten, wenn es um Absolventen aus naturwissenschaftlichen Studiengängen geht. 

Am Ende braucht es wiederum Käufer von jungen Firmen. Wir haben große, mächtige und reiche Konzerne. Würden diese nur einen Bruchteil ihres Kapitals verwenden, um Startups zu kaufen, würden alle profitieren. Mehr Menschen würden Geld in Startups investieren, denn es gäbe endlich eine Rendite. Mehr junge Leute würden für Startups arbeiten, aufgrund von modernen Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen. Konzerne würden sich verjüngen, frisches Blut reinholen, innovative Produkte erwerben und neue Kunden erschließen. Ebenso würden Konzerne ihr Image verbessern und wiederum mehr Bewerber anlocken. Wir sehen an Google und Apple, dass Konzerne auch beliebt sein können.

14.06.2017
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